Mittwoch, 10. Februar 2010Ich bin unzufrieden!
Ich bin unzufrieden.
Seit über 30 Jahren laufe ich mittlerweile, mal regelmäßig, mal unregelmäßig, mal ein Jahr gar nicht. In letzter Zeit bin ich unzufrieden. Trotz dreimaligem Training pro Woche stimmt mein Gewicht bei Weitem nicht. Und der Mix aus Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Schnelligkeit ist nicht so, wie ich mir das vorstelle. Und so stelle ich mir die Frage: Bin ich fit? Von da ist es nicht mehr weit bis zur Gretchenfrage: Was ist eigentlich Fitness? Ist Fitness die Fähigkeit, einen Marathon laufen zu können, aber dafür nicht in der Lage zu sein, sein eigenes Körpergewicht an einem Ast hochzuziehen. Bedeutet fit zu sein, sein Körpergewicht zweimal stemmen zu können, aber keinen Kilometer weit laufen zu können? Durch Zufall stoße ich im Web auf eine vergessene, 100 Jahre alte Tradition: die Méthode Naturelle. Der Erfinder dieses Fitness-Weges, der Franzose Georges Hébert, war der festen Überzeugung, dass wahre Fitness nur durch Vielseitigkeit erreicht werden könne. Dadurch, dass wir unseren Körper und Geist trainieren, wie ihn unsere Jäger-Sammler-Vorfahren seit Jahrmillionen trainiert und perfektioniert haben. Hébert sieht die Welt und die Natur um uns herum als Tummelplatz und Spielplatz, um uns wahre Kraft zu geben. Die Hindernisse, die einen als Läufer immer verärgern und aus dem Rythmus bringen, werden bei ihm zum Trainingsgerät. Wo der Ärger des Läufers beginnt, und die Laufwege im dichten Unterholz enden, da fängt die Méthode Naturelle erst an: Wenn der Weg schlecht wird, passt man sich dem Gelände an und gibt halt besser acht. Wenn dichter Waldbewuchs einen hindert, kriecht man notfalls auf allen Vieren unter dem Geäst durch. Abhänge werden zum Sprungtraining benutzt, umgestürzte Baumstämme mutieren zum Schwebebalken und Steilwände zum Trainingsparcours für Arme und Beine gleichzeitig. Äste werden zu Klimmzugstangen, der Baum zum Klettererlebnis … Wo ist der Unterschied zum herkömmlichen Lauf- oder allgemein Fitnesstraining? Je leistungsorientierter ich trainiere, desto stärker passe ich die Natur meinen Zielen an. Ja nicht aus dem Rhythmus kommen! Alle Parameter müssen messbar sein. Im Fitnessstudio habe ich die Natur sogar komplett eliminiert. Was dagegen passiert mit mir, meinem Körper, meiner Fitness, meiner Psyche, wenn ich mich dem anpasse, was uns die Natur vor die Füße schmeißt? Der Ärger verfliegt. Vor mir liegen keine Hindernisse mehr, es gibt nur noch unendlich viele Gelegenheiten, stärker zu werden, wendiger, schneller, ausdauernder, beweglicher, geschickter. Mein Körper, mein Immunsystem, mein ganzes kompliziertes Dasein erfährt eine neue Dimension. Noch einmal zurück zu den Wurzeln: Alt-Meister Georges Hébert hat neben Laufen, Springen, Sprinten, Klettern, Auf-allen-Vieren-Kraxeln und Heben noch Schwimmen, Werfen, Balancieren und die Selbstverteidigung als Basistechniken erachtet. Immerhin hat Hébert es innerhalb weniger Jahre soweit gebracht, dass die französische Armee nach seinen Prinzipien trainiert wurde. Im ersten Weltkrieg starben mit den Soldaten auch das Wissen um die Méthode Naturelle. Der im Krieg schwer verwundete Georges Hébert geriet in Vergessenheit. Als ich über Georges Héberts Werk lese, sticht mich sofort der Hafer. Was ich schon vor 30 Jahren als Allround-Trainingsmethodik im Sinn hatte – schließlich bin ich ein Kind der Trimm-Dich-Pfad-Generation –, gab es längst. Schon als jugendlichem Läufer erschien mir der Wald verlockender als der Waldweg. Als Student hatte ich mir mal einen Zentnersack voll Weizen gekauft, um mit natürlichem Gewicht auf dem Rücken zu joggen. Aber wegen Erregung öffentlicher Aufruhr in der Regensburger Innenstadt gab ich das sehr schnell wieder auf. Warum habe ich mich trotz der offenkundigen Vorteile nie zu einer Trainingssystematik durchgekämpft? Es gab tausend Argumente dagegen. Angst vor Verletzungen beim Laufen durch unwegsames Gelände und beim Herabspringen auf unebenen Untergrund, außerdem der Mangel an Trainingsplätzen. Ich musste schon ein paar Kilometer fahren, bis ich eine menschenleere Wildnis mit umgefallenen Bäumen und Klettergelegenheiten fand. Dann der rechtliche Aspekt: Darf man denn so ohne Weiteres auf Bäume im Wald klettern, die einem nicht gehören? Was ist, wenn mich jemand sieht? Ich hielt das Ganze schlichtweg für verrückt. Bis heute. Heute ist der 10. Februar 2010. Heute setze ich die Méthode Naturelle auf meine Art in die Praxis um. Heute muss ich es wissen. Draußen liegt so viel Schnee wie lange nicht. Normalerweise bringt es der Winter hier auf ein paar Zentimeter Matsch. Nicht so im Februar 2010. Ich fahre vor die Stadt bis zum ersten einsamen Waldstück, das ich kenne. Hier auf den ersten Hügeln liegt weit mehr Schnee als in der Innenstadt. Es schneit wieder leicht. Die freie Natur rings um mich herum versinkt im grauen spätnachmittäglichen Flockenweiß. Ich fühle Beklommenheit in mir aufsteigen angesichts der unberührten, weißen, eiskalten Pulverschnee-Unendlichkeit. Dann laufe ich los. Schon nach wenigen Schritten sinke ich fast bis zum Knie ein. Meine Jogginghose rutscht nach oben. Meine Schuhe sind randvoll mit Schnee. Die Kälte beißt in meine nackten Fäuste. Der Wind fährt unter meine Fleecejacke, unter der ich nur ein kurzärmeliges Joggingshirt trage. Wenigstens habe ich eine Mütze auf. Der erste leichte Anstieg macht mich schon fertig. Ich versinke bis übers Knie in Schneewehen, weigere mich aber hartnäckig, meinen Lauf- oder besser Trott-Rhythmus aufzugeben. Nach 300 Metern, auf einer Kuppe, keuche ich bereits schwer. Meine Beine zittern. Wo soll das enden? Weiter vorne sehe ich einen Jägersitz. Ich laufe Kurven nach rechts und nach links, um einen festeren Schneeuntergrund zu finden, auf dem ich nicht so stark einsinke. Meine Hände fühlen sich wie Eisklumpen an. Der Jägersitz rückt näher. Ich sauge die schneekalte Luft ein, minus fünf Grad. Vor mir ragen die Spitzen einiger Büsche aus dem Schnee. Ich versuche drüber zu springen und tappe dahinter in ein Schneeloch, versinke, strauchle, rapple mich wieder auf. Das Schneetreiben wird dichter. Ich erreiche den Jägersteig. Zwei gekreuzte Querstreben, rohe, armdicke Äste, befestigen die Leiter in Überkopfhöhe. Ich versuchte mich hinaufzuschwingen, schaffe es nicht, versuche wenigstens ein Bein raufzuschwingen. Ratsch! Meine Jogginghose reißt im Schritt an allen Nähten auf. Ich blicke mich um, ob mich jemand beobachtet. Ich sehe nur als weites, weißes Nichts. Ich nehme die Leiter. Die Kälte des Schnees auf den Sprossen brennt sich in meine Handinnenflächen. Ich hangle mich irgendwie um die Leiter herum zu den Querstreben. Schaffe es. Ich stehe auf den eisglatten Ästen und versuche zu balancieren. Schmiere ab. Wenn ich jetzt falle … Ich halte mich im letzten Augenblick an einer Sprosse fest. Suche mir eine eisfreie Stelle. Balanciere. Kippe. Balanciere. Kippe. Balanciere. Stehe. Stehe da zwei Meter über dem endlosen Schneetuch auf einem unterarmdicken Ast. Ich habe es geschafft. Stolz steigt in mir auf, als hätte ich einen fernen Planeten erkundet. Die Sprossen reizen mich. Ich versuche einen Klimmzug. Mit Hängen und Würgen schaffe ich es, mich hochzuziehen. In diesem Augenblick fühle ich bis in die letzte Zelle meines Körpers, was überflüssig ist an ihm, diese 15 Kilo der letzten 20 Jahre. Ich spüre mit allen Sinnen, nein, weiß, was dieser Körper, dieser Haufen an geballtem lebenden Wissen vieler Millionen Jahren, imstande wäre zu leisten. Ich spüre unendliche Möglichkeiten. Ich kraxle noch ein wenig rum und überlege dann die zwei Meter runterzuspringen. Das sieht von hier oben schon verdammt hoch aus. Und das bei meinem Gewicht. Außerdem hat mir mein linkes Knie in den letzten Monaten Probleme gemacht. Ich steige bis auf Hüfthöhe ab und springe ins weiße Rettungstuch und federe nochmals hoch, getreu der Devise des richtigen Sprungs: Der zweite Sprung, also der Sprung nach dem Sprung, ist der wichtige. Das Gelände senkt sich und ich nehme Fahrt auf. Eine frische Spur kreuzt meinen Weg, eine Rehherde vielleicht. Da vorne ist der Waldrand, an dem sich die Hochebene zum Flusstal hin absenkt. Ich trotte, springe, versinke. Am Waldrand steht ein weiterer Jägersitz, ein einfacheres Modell diesmal. Die Querstreben in Hüfthöhe sollten kein Problem sein. Ächzend schwinge ich mich hoch. Balanciere, halte mich zögernd an den schneebedeckten Holmen fest. Wackle. Knalle mit dem Kopf an den Baumstamm, 10 Zentimeter neben einem großen rostigen Nagel, der aus dem Stamm steht. Ich atme hörbar ein. Ich hatte das oberste Motto vergessen: Bleibe unverletzt! Wenn ich mir hier draußen was breche – das Handy liegt im Auto –, findet mich so schnell kein Mensch. Bei minus fünf Grad war's das dann wohl. Behutsam ziehe ich mich an den Sprossen empor, klettere hin und her. Dann springe ich über einen niedrigen kahlen Strauch. Das weiche Schneetuch fängt mich auf, ich federe unter der Last meines Gewichts hoch (der zweite Sprung) und starte sofort los. Wenige Meter weiter erwartet mich der steile, bewaldete Abhang zum Fluss hinab. Unter den Ästen der ersten Eiche hindurch, eineinhalb Meter hinab in ein Schneeloch. Ich rutschte aus, lande im Pulverschnee, der sich in den Kragen ergießt. Ich schreie auf. Verdammt, ist das kalt! Meine Hände suchen Halt. Weiter unten komme ich zum Stillstand, rapple mich auf und spähe nach einem Weg, der mich nach oben führt. Ich kämpfe mich auf allen Vieren durch den Schnee, klettere einen Felsvorsprung hinauf. Obern erwartet mich ein weiterer kalter Guss, als ich mich im Schnee festzuhalten versuche. Mit letzter Kraft schaffe ich es nach oben. Noch zehn steile Meter bis zum Waldrand, zu ebenem Terrain. Der Weg durch den knietiefen Schnee hat mich übermenschliche Kräfte gekostet. Ich stehe oben auf freiem Feld, mein Atem pfeift vor Anstrengung. Die nächsten 50 Meter gehe ich, oder besser wate durch den Schnee, bis mich der Wald empfängt. Ich entscheide mich für das dichte Gewächs rechter Hand, vor dem ein etwa einen Meter hoher Abhang zu sehen ist. Ich greife mit blanken Händen in den Schnee und stemme mich hoch – meine Hände spüre ich vor Kälte mittlerweile nicht mehr –, laufe oben ein paar Schritte, springe wieder runter, federe weiter, nach fünf Metern nochmals rauf, wieder runter. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Dann kann ich einfach nicht mehr. Der Tiefschnee hat mir den Rest gegeben. Auf Sparflamme jogge ich schneewatend weiter bis zu einem schmalen Granitquader, der sich ideal für einige Balanciereinheiten anbietet. Und so geht es weiter. Ich springe, wate, strauchle durch die weiße Waldwildnis. Benutze die Bäume als Sparringspartner, denen es auszuweichen gilt. Tief hängende Äste dienen als Turnstange, eine schief am Nachbarbaum hängende Fichte als Klettergerüst. Am freien Feld nutze ich jeden Abhang, versuche im Tiefschnee zu sprinten, probe – bis ans Knie versinkend – Sidestepps nach rechts und links. Meine Hände sind mittlerweile warm geworden. Meine Schuhe sind durch und durch nass, aber warm. Meine Fleecejacke ist außen mit einer Eisschicht überzogen, das Jogginghemd nass vom geschmolzenen Schnee. Trotzdem spüre ich den schneidenden Wind nur peripher. Mein Körper, mein Immunsystem haben aus dem Nichts den Turbo zugeschaltet. Einen Turbo, dessen Existenz ich schon lange vergessen hatte. Zu lange. Der Schneefall hat nachgelassen und ich ahne in der Ferne die Spitzen des Doms. Den Abhang in Richtung Auto fülle ich mit Sidestepps. So muss sich ein Vogel fühlen, bevor er losfliegt. Am Wagen angekommen merke ich, wie schnell meine Atmung geht, wie meine Oberschenkel zittern. Jetzt ist mir klar, was Georges Héberts Fitnessziel war. Ich habe es am eigenen Leib erfahren. Die Atome, die Zellen meines Körpers fühlen sich an wie Popcorn kurz vor dem Platzen. Noch die ganze folgende Nacht produziert mein Körper Energie auf Hochtouren. Ich schlafe in kurzen Hosen und ohne Shirt. Draußen hat es minus 15 Grad. Ich habe Feuer gefangen. Und in meinem Kopf formen sich zwei Worte, wie meine Art des Trainings heißen soll: Paleo-Training. Wieso und warum, erfahrt ihr beim nächsten Mal. Grüße, Sigi
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